Wissensökologie und Kompetenzbildung

In diesem Artikel wird ein Modell vorgeschlagen, das Wissens- und Kompetenzbildung nicht als lineare Stufenfolge, sondern als offene Wissensökologie versteht. Individuelle und kollektive Akteure mit Erkenntnissen, Wissen, Werten und Kompetenzen stehen dabei wechselseitig in gestalterischen Beziehungen zur Welt. – Ein Modell von Thomas Schatz.

Innerhalb dieses Modells lässt sich ein prototypischer Wissens- und Kompetenzzirkel in Rückkopplung zur Welt beschreiben. „Welt“ meint hier sowohl innere als auch äussere Welt – also Wahrnehmungen und Vorstellungen ebenso wie Dinge, Menschen, Räume und gesellschaftliche Bedingungen. Die dargestellten Übergänge sind nicht als notwendige Erzeugungsregeln, sondern als typische Verdichtungen zu verstehen: Durch Wahrnehmung und Auseinandersetzung können Erkenntnisse entstehen; deren Reflexion kann zu Wissen beitragen, Abwägung zur Wertebildung und Aneignung zu Kompetenz, ohne dass diese Beziehungen in der dargestellten Reihenfolge zwingend oder ausschliesslich wären. Für stringentes wissenschaftliches oder demokratisches Arbeiten an Wissen und Kompetenz, bei dem Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Begründbarkeit wichtig sind, kann dieser Zirkel ohne alleinigen Geltungsanspruch als hilfreiche Orientierung dienen.

Welt ₁
1. -> Wahrnehmung der Welt -> Material/Daten
2. -> Auseinandersetzung -> Erkenntnisse
3. -> Reflexion -> Wissen
4. -> Abwägung -> Werte
5. -> Aneignung -> Kompetenz
6. -> Gestaltung der Welt
Welt ₂

Tatsächlich verlaufen Wissens- und Kompetenzbildungsprozesse in gesellschaftlichen, sozialen und privaten Zusammenhängen selten in dieser prototypisch-zirkulären Form. Zwischenschritte können übersprungen, rückwärts durchlaufen, miteinander verschränkt oder ganz ausgelassen werden. So kann Wissen etwa in autoritäts- oder vertrauensbasierten Beziehungen übernommen werden, ohne dass die zugrunde liegenden Erkenntnisprozesse selbst durchlaufen oder kritisch geprüft werden; in Gruppen oder Subkulturen können sich auch ohne für alle zugängliches Wissen gemeinsame Werte herausbilden; Gestaltung kann aus Erfahrung, Gewohnheit oder situativem Handeln entstehen, ohne dass entsprechende Kompetenzen vollständig ausgeprägt oder dabei entstehende Erkenntnisse rückgekoppelt werden.

Das Modell der Wissensökologie und Kompetenzbildung ist somit umfassender als ein Zirkel zu verstehen. Gerade in Pädagogik und Kunst kann das bewusste Spiel mit solchen Prozessverläufen zur Strategie werden; ebenso können sie in wirtschaftlicher, politischer oder religiöser Kommunikation und Einflussnahme wirksam sein. Die unterschiedlichen Wege sind dabei nicht für sich allein zu bewerten: Je nach Kontext und Zweck können sowohl der prototypische Zirkel als auch eigenwillige, verkürzte oder verschränkte Prozesse produktiv, ambivalent, problematisch oder destruktiv wirken.