Praktische Funktion? Setz dich!

Gestaltung wirkt nicht nur ästhetisch – manchmal sitzt man auch drauf. Ein Ordnungsversuch der praktischen Funktion gestalterischer Elemente von Luzia Fleischmann.

Wer sich mit ästhetischen Funktionen beschäftigt, richtet den Blick auf die ästhetische Erschliessung eines Werks: Dazu zählen Darstellung, Bedeutung und Wirkung, wie aus dem Theorie-Beitrag „One and Three Chairs – Ästhetische Funktionen gestalterischer Grundelemente“ ausgeht. Selbstverständlich wird Gestaltung als etwas verstanden, das sichtbar wird, gedeutet werden kann und affiziert. Das ist richtig – aber nicht vollständig.

Ein Stuhl erfüllt jedoch nicht nur eine ästhetische Funktion. Denn wer es noch nicht weiss: Auf einem Stuhl kann man auch sitzen. Zumindest meistens.

Damit tritt neben die ästhetische eine praktische Funktion. Gestaltung organisiert nicht nur Wahrnehmung, sondern auch Handeln. In dieser Perspektive wird Gestaltung als praktische Leistung sichtbar. Sie ermöglicht Gebrauch, macht etwas realisierbar und setzt Grenzen dessen, was getan werden darf oder soll – unabhängig davon, ob es sich um ein Gebäude, ein Produkt, eine Applikation oder sogar einen Film, eine Illustration oder ein Gemälde handelt.

Praktische Funktionen lassen sich dabei grob in drei Felder unterscheiden – in eine Gebrauchsfunktion, die Nutzung eröffnet oder verunmöglicht, eine Realisierungsfunktion, die Gestaltung technisch und strukturell umsetzbar macht, sowie eine Regulierungsfunktion, die Gestaltung in normative, rechtliche oder sicherheitsbezogene Zusammenhänge einbindet.

Praktische Funktion

  • Gebrauchsfunktion (Zweckbindung, Nutzung, Bedienbarkeit/Zugänglichkeit)
  • Realisierungsfunktion (Umsetzbarkeit, technische und strukturelle Bedingungen)
  • Regulierungsfunktion (rechtliche und ethische Rahmen, Sicherheit)

Die praktischen Dimensionen stehen nicht im Gegensatz zu den ästhetischen. Sie korrigieren sie auch nicht. Sie ergänzen sie dort, wo Gestaltung mehr ist als Erscheinung: also überall – selbst bei einem Stuhl, der sich dem Sitzen entzieht.