Mit drei rechnen

Ein Beitrag der Kunst zu den basalen fachlichen Kompetenzen in Mathematik von Luzia Fleischmann.

Viele können bis drei zählen. Aber bis drei rechnen? Die Kunst kann. Etwas Mathe in zehn Lektionen. Oder sind es neun?

0 = 1
Aktivierung.
Sobald es nichts gibt, ist es nicht mehr nichts.
Zum Beispiel: die White Paintings von Robert Rauschenberg.

1 = 2
Kontextverschiebung.
Ein Gegenstand besitzt mehrere Wirklichkeiten.
Zum Beispiel: Fountain von Marcel Duchamp.

1 + 1 = 3
Emergenz.
Die Verbindung zweier Elemente erzeugt ein drittes.
Zum Beispiel: Wrapped Coast von Christo und Jeanne-Claude.

2 − 1 = 3
Reduktion.
Das Entfernen eines von zwei Elementen erzeugt ein drittes.
Zum Beispiel: Cut Piece von Yoko Ono.

1 − 1 = 1
Löschung.
Auch das Löschen eines einzelnen Elements erzeugt nicht nichts.
Zum Beispiel: Erased de Kooning Drawing von Robert Rauschenberg.

3 = 1
Fusion.
Mehrere Einzelteile werden als Einheit wahrgenommen.
Zum Beispiel: The Dinner Party von Judy Chicago.

1 ≠ 1
Differenz.
Eine Kopie erzeugt nichts Identisches, sondern Abweichung.
Zum Beispiel: Campbell’s Soup Cans von Andy Warhol.

1 × 3 = 1 = 3
Relation.
Entsprechungen erzeugen Einheit und Differenz.
Zum Beispiel: One and Three Chairs von Joseph Kosuth.

3 : 3 = 3
Teilung.
Mit jeder Zerlegung entsteht etwas Eigenständiges.
Zum Beispiel: Semiotics of the Kitchen von Martha Rosler.

1 > 3
Intensität.
Eine einzelne Aktion kann mehr sein als viele zusammen.
Zum Beispiel: AAA-AAA Performance von Marina Abramovic.

1 = 3
Endlichkeit.
Der Start kann auch gleich das Ende sein, auch wenn davor und danach viel läuft.
Zum Beispiel: Punkt von Roman Singer.

Und wo Berechnungen enden, greifen gestalterische Strategien.