Gestaltung wirkt nicht nur ästhetisch und praktisch – manchmal sagt ein Platz auch bereits etwas aus. Ein Ordnungsversuch der kulturellen Funktion mit den drei Feldern Werterstellung, Identitätsstiftung und Konventionsbildung von Thomas Schatz.
Gestaltung sitzt nicht einfach nur da. Sie sitzt immer schon irgendwo mit drin.
Ein Stuhl steht nicht nur in einem Raum, sondern auch in einer Ordnung. Er kann Macht demonstrieren, Zugehörigkeit schaffen, Ausschluss bewirken, Erinnerungen bewahren oder Gewohnheiten festigen. Wer auf welchem Stuhl sitzt, wer stehen bleibt, wer eingeladen wird und wer nicht, ist selten nur eine Frage der Konstruktion.
Zur ästhetischen und praktischen Funktion tritt somit die kulturelle Funktion hinzu. Gestaltungselemente übernehmen diese Funktion, wenn sie in Beziehung zu gesellschaftlichen Sinnordnungen, Identitätsprozessen sowie kulturellen Normierungen und Transformationen stehen. Die kulturelle Funktion lässt sich in drei Felder unterteilen:
- Wertfunktion: Werte, Narrative, Praktiken
- Identitätsfunktion: Selbstbilder, Kollektivbilder, Fremdbilder
- Konventionsfunktion: Konvention, Aneignung, Distanzierung
Die Wertfunktion beschreibt, wie Gestaltung Sinnordnungen mitträgt. Ein Bild, ein Objekt, ein Raum oder ein Interface kann Werte sichtbar machen, Narrative stützen oder Praktiken legitimieren. Gestaltung sagt dabei nicht einfach, was gilt. Sie macht spürbar, was gelten könnte, gelten soll oder längst gilt.
Die Identitätsfunktion betrifft die Bilder, in denen sich Einzelne und Gruppen erkennen oder verkennen. Gestaltung kann Selbstbilder entwerfen, Kollektivbilder stabilisieren und Fremdbilder erzeugen. Sie zeigt nicht nur etwas, sondern zeigt auch, wer jemand sein kann, sein darf oder sein soll – oder eben auch nicht.
Die Konventionsfunktion beschreibt schliesslich, wie Gestaltung kulturelle Muster bildet, wiederholt, verschiebt oder unterbricht. Konventionen machen Gestaltung lesbar. Aneignung macht sie beweglich. Distanzierung macht sie kritisierbar.
Dabei steht die kulturelle Funktion nicht über die ästhetisch oder praktisch Funktion. Sie kommt auch nicht erst nachträglich hinzu. Sie durchzieht Wahrnehmung und Gebrauch. Ein Stuhl kann gut gestaltet sein, bequem sein und dennoch kulturell problematisch werden. Umgekehrt kann ein Stuhl auch unbequem sein und gerade dadurch eine kulturelle Aussage treffen.
Gestaltung ist somit nie nur Ästhetik und nie nur praktische Funktion. Sie ist immer auch ein Vorschlag, wie Welt geordnet, verwendet und verstanden werden kann – je nach kulturellem Zusammenhang kann dies jeweils auch ganz anders ausfallen.
Man sitzt also nicht einfach auf einem Stuhl. Man sitzt mit – wenn man darf – und verrückt vielleicht die Ordnung ein wenig. Oder man bleibt erst mal stehen und sucht sich dann einen anderen Platz.