One and Three Chairs – Ästhetische Funktionen gestalterischer Grundelemente

Welche Funktion nimmt Farbe bei der Wahrnehmung ein? Gibt es eine Ordnung, die auch für andere gestalterische Grundelemente gilt? Wie lässt sich dies konsequent organisieren? Das folgende Modell systematisiert die ästhetischen Funktionen der gestalterischen Grundelemente. Es unterscheidet dabei zwischen Darstellung, Bedeutung und Wirkung. Das Modell ist medienoffen, disziplinenübergreifend und unterstützt die Rezeption und Produktion in Forschung, Anwendung und Vermittlung als analytisches Ordnungsmodell, nicht als erklärende Gesamttheorie – von Thomas Schatz.

Zu den gestalterischen Grundelementen zählen formale, materielle und inhaltliche Aspekte wie beispielsweise Farbe, Form, Textur, Raum, Bewegung, Zeit, Körper, Licht, Material, Subjekt, Objekt und Setting. Bei ihrer Wahrnehmung bzw. ästhetischen Erfahrung erhalten gestalterische Grundelemente unterschiedliche ästhetische Funktionen. Diese Funktionen beschreiben nicht etwa den Stil, die Absicht oder den Zweck, sondern die Rolle, die einzelne Gestaltungselemente einnehmen. Das hier vorgestellte Modell dient der Ordnung der ästhetischen Funktionen als Teil der gestalterischen Funktionen. Es unterscheidet drei grundlegende Funktionsbereiche mit jeweils drei Ausprägungen.

  1. Darstellung (nachahmend, hinweisend, selbstpräsent)
  2. Bedeutung (symbolisch, metaphorisch, situativ)
  3. Wirkung (physiologisch, emotional, kognitiv)

Das Modell geht aus einer Weiterentwicklung klassischer kunstpädagogischer Funktionsmodelle hervor, konkret aus der Ausweitung der Farbfunktionen auf weitere gestalterische Grundelemente (siehe dazu das Vorgängermodell von theoria). Dieses neue und hier vorliegende Modell ist so formuliert, dass es an zentrale theoretische Diskurse anschliesst, deren Konzepte – wo nötig – leicht modifiziert zusammenführt und neu anordnet, ohne sich auf eine einzelne Disziplin festzulegen. Es orientiert sich an kunst- und bildtheoretische Fragen von Darstellung und Präsenz, an semiotische Modelle der Zeichentheorie, an wahrnehmungspsychologische Differenzierungen von Wirkung, an analytische Perspektiven der Design- und Medienwissenschaft und nicht zuletzt an der Bildenden Kunst und Erfahrungen aus der eigenen Kunstpraxis und Kunstvermittlung.

Im Unterschied zu bestehenden Funktionssystematiken trennt dieses Modell ausdrücklich jene Ebenen, die in der Praxis häufig vermischt werden. So werden Gegenstandsbezug, Bedeutungszuschreibung und Wirkung unabhängig von Intention, Autorschaft oder normativer Bewertung als eigenständige, aber miteinander verbundene Funktionsdimensionen verstanden. Dadurch lassen sich multiple ästhetische Phänomene dynamisch beschreiben, ohne dass man etwa auf statische und normative Zuschreibungen angewiesen wäre, da Funktionen je nach Kontext, Medium und Rezeption wechseln oder überlagert auftreten können. Im Folgenden werden die drei Funktionen mit ihren Ausprägungen als Gesamtmodell vorgestellt, was sich damit von semiotischen, wirkungsästhetischen oder materialspezifischen Einzelmodellen unterschiedet. Die begriffliche Trennschärfe dient dabei nicht der Fixierung, sondern der Sichtbarmachung von Übergängen und Überlagerungen:

1. Darstellungsfunktion: Wie erscheint ein Gegenstand oder Sachverhalt? Die Darstellungsfunktion beschreibt das Verhältnis zwischen einem Gestaltungselement und einem möglichen Gegenstandsbezug. Dabei ist die Art des Verweisens entscheidend und nicht die formale Ausprägung. Mithilfe einer differenzierten Darstellungsanalyse lassen sich auch nicht-abbildende Gestaltungsformen wie hinweisende, objektbasierte oder performative einschliessen, die beispielsweise bei Verkehrsschildern, Kunst am Bau oder Theater-Performances zu finden sind. Es lassen sich drei Ausprägungen unterscheiden, die hier nicht als Zeichentypen, sondern als wahrnehmungsbezogene Darstellungsweisen verstanden werden:

  • nachahmend – Das Gestaltungselement bildet wirklich oder synthetisch einen Gegenstand ab, z.B. ein gemalte Stuhl in einem niederländischen Interieur des 17. Jahrhunderts bildet Sitzmöbel durch visuelle Ähnlichkeit ab (ikonischer Bezug, auch als echter oder adaptiver Mimesis-Bezug zu verstehen)
  • hinweisend – Das Gestaltungselement verweist auf einen Gegenstand oder Sachverhalt, ohne ihn abzubilden; der Bezug entsteht über Spur oder Hinweis, z.B. ein leerer Stuhl kann in einer Performance indexikalisch auf eine abwesende Person oder eine erwartete Handlung verweisen (indexikalischer Bezug, auch als diegetischer Gegenstandsverweis zu verstehen)
  • selbstpräsent – Das Gestaltungselement verweist auf keinen Gegenstand, sondern tritt als eigenständiges Phänomen selbst in Erscheinung, ohne damit Bedeutungs- oder Wirkungszuschreibungen auszuschliessen, z.B. ein minimalistischer Stahlrohrstuhl der Moderne tritt als Material, Konstruktion und Form selbst in Erscheinung, nicht primär als Repräsentant eines Sitzmöbels (auch als absolut zu verstehen)

2. Bedeutungsfunktion: Welche inhaltlichen Bezüge werden hergestellt? Die Bedeutungsfunktion betrifft die semantische Ebene der Gestaltung, nicht im linguistischen, sondern im wahrnehmungs- und kontextbezogenen Sinn. Sie beschreibt, wie in einem (sub-)kulturellen Kontext durch Rezeption Sinn entsteht, unabhängig von der Art der Darstellung. Darstellungs- und Bedeutungsfunktion sind getrennt: Ein Gestaltungselement kann nachahmend, hinweisend oder selbstpräsent erscheinen und dennoch symbolisch, metaphorisch oder situativ bedeutsam sein. Drei grundlegende Modi sind unterscheidbar:

  • symbolisch – Bedeutung entsteht durch kulturelle oder konventionelle Zuordnung, z.B. ein Thron steht in der politischen Ikonographie konventionalisiert für Macht und Herrschaft
  • metaphorisch – Bedeutung entsteht durch Übertragung, Analogie oder Relation, z.B. ein instabil wirkender Stuhl wird in der Illustration als Metapher für Unsicherheit lesbar
  • situativ – Bedeutung ergibt sich aus einem konkreten Kontext, aus der Situation, z.B. ein einfacher Plastikstuhl erhält im Journalismus seine Bedeutung erst durch den Kontext einer öffentlichen Versammlung

3. Wirkfunktion: Wie beeinflusst Gestaltung Wahrnehmung und Erleben? Die Wirkfunktion beschreibt die Effekte gestalterischer Elemente auf Physis, Gefühl und Denken. Diese Wirkdimensionen sind nicht aus Darstellung oder Bedeutung ableitbar, sondern bilden eine eigenständige Funktionsebene ästhetischer Gestaltung ohne kausalen Ableitungsanspruch. Sie umfasst drei Dimensionen:

  • physiologisch – sensorische Reize und physische Wahrnehmungsreaktionen, z.B. die Sitzhöhe und Materialität eines Stuhls beeinflussen im Produktdesign die Körperhaltung
  • emotional – affektive Resonanzen, Stimmungen und atmosphärische Qualitäten, z.B. ein leerer Kinderstuhl kann im Alltag Gefühle von Verlust oder Abwesenheit auslösen
  • kognitiv – Orientierung, Strukturierung, Aufmerksamkeitslenkung oder Verständnishilfen, z.B. die Anordnung von Stühlen strukturiert in der Innenarchitektur Aufmerksamkeit, Hierarchie und Interaktion im Raum

Das Modell basiert auf der konsequenten Betrachtung von Darstellung, Bedeutung und Wirkung als voneinander unabhängige, zugleich überlagerbare Wahrnehmungsfunktionen aller gestalterischen Grundelemente. Es ist medienoffen, nicht auf die visuelle Gestaltung beschränkt, disziplinenübergreifend, auf unterschiedliche wahrnehmungsbezogene Kontexte übertragbar und unabhängig von Intention oder Autorschaft. Zusammengefasst zeigt das Modell seine Stärke dort, wo Gestaltung weder ausschliesslich als Zeichen, noch als Material oder Wirkung verstanden werden kann, sondern wo ein wahrnehmungsbezogenes Zusammenspiel dieser Ebenen analytisch differenziert werden soll. Die Anwendung dieses Modells ermöglicht eine differenzierte Analyse der funktionalen Rollen gestalterischer Mittel in der Rezeption. In der Produktion erlaubt sie eine bewusste Steuerung von Darstellungs-, Bedeutungs- und Wirkungsentscheidungen. In der Vermittlung schärft sie die Reflexion ästhetischer Erfahrung. Zugleich macht die klare funktionale Ordnung sichtbar, wo sich gestalterische Phänomene einer eindeutigen Zuordnung entziehen und weitere theoretische Perspektiven erforderlich werden. Aufgrund seiner konzeptionellen und begrifflichen Grundlage ist das Modell für weitere Theorieverknüpfungen offen.

thx – JK